Freitag, 4. Dezember 2015

Sterne und Trabanten (1)

Ohne die Hartnäckigkeit des Herrn L. hätte Wenn mein Mond deine Sonne wäre nie das Licht der Welt erblickt. Der Herr L. betreut beim SWR Young Classix, eine Sendereihe, die jungen Zuhörern den Spaß an klassischer Musik nahe bringt. In Ausübung dieser Tätigkeit belagerte der Herr L. mich über Jahre hinweg mit der immer gleichen Anfrage: Ob ich nicht Lust habe, ihm etwas Hübsches zu schreiben, nämlich einen auf ein paar Sahnestückchen klassischer Musik abgestimmten Text. Und jahrelang vertröstete ich Herrn L. auf das Jahr darauf – nicht etwa, weil mir sein Vorschlag nicht gefiel (der gefiel mir sehr gut), sondern weil ich mit den zur Auswahl stehenden Komponisten wenig anzufangen wusste.

Ob Buch, ob Film oder Musik: Für Kinder soll's ja immer lustig sein, heiter und positiv, und wenn es geht noch mit einem gewissen Niedlichkeitsfaktor versehen – wie man sich das Kind als solches halt so vorstellt. Später, wenn dem zur allumfassenden Heiterkeit erzogenen Kind das Leben zum ersten Mal ordentlich in die Hacken tritt, kann Papa oder Mama ein Foto davon machen, wie erschreckt und überfordert es deshalb dreinschaut. Das Foto wird bei Facebook eingestellt und selbstanklägerisch darunter geschrieben, man habe es damals nur gut gemeint; davon abgesehen sei es aber auch gar nicht so, als habe man nicht alles probiert, um das undankbare Gör auf den Ernst des Lebens vorzubereiten, es habe aber alle Leseangebote zu Themen wie Magersucht und Chat-Abhängigkeit genauso abgelehnt wie das Lexikon der Modedrogen.


Nein, erklärte ich Wolfram Lamparter Jahr um Jahr, heiter und sturzhelmig sei mit mir nicht zu haben, wenn's um Kinderklassik ginge. Ich wollte es elegisch, schwermütig, düster-romantisch, mithin also in etwa das, was man gern mit russisch assoziiert, auch wenn das Elegische vermutlich so russisch ist wie das Kind von stets heiter-positiver Grundstimmung. Dennoch, ich mag die Russen. Ich habe alles, was Rachmaninow jemals für Klavier komponierte (die Etüden inklusive) auf CD, kann Scriabin rauf und runter, und jeden Morgen rührt mir Tschaikowskys Zuckerfee persönlich den Kaffee um.

Und dann, nach all den Jahren, endlich: Prokofjew! Geht doch, Herr L., dachte ich. Dachte außerdem an den Peter, den Wolf und die Ente, und wie das schon damals funktioniert hat, und wie das wieder funktionieren könnte. Dass neben Prokofjew auch Bizet mit an Bord war, ließ sich verkraften: Ein Franzose zwar, aber seine Carmen war Spanierin und schwules Rollenvorbild - ich hatte schon mit Kastagnetten geklappert, da löste Mallorca sich gerade mal vom europäischen Festland.

Ungefähr ein viertel Jahr lang hörte ich mich … naja, nicht jeden Tag, aber mehrmals die Woche durch die Petite Suite von Bizet. Diese fünf wunderschönen symphonischen Miniaturen entstammen einer eigentlich zwölfteiligen Komposition für Klavier zu vier Händen, Jeux d'Enfants; Bizet hat sie fürs Orchester umgedichtet. Von Prokofjew kam hinzu die kleine Orchester-Suite Ein Sommertag (heiter, anyone?), und mein Anspruch war, auf dieser Grundlage eine Geschichte derart zu entwickeln, dass Prosa und Musik einander spiegeln. Ich hatte dabei völlig freie Wahl, hätte also Einzelstücke von B. oder P. untereinander mischen können, hätte dreimal Musik auf zweimal Text am Stück folgen lassen oder mit dem letzten Stück anfangen und mich nach vorne durcharbeiten können.


Was, natürlich, nicht geht. Ich möchte ja auch nicht, dass man meine Bücher zerhackt und als Häppchen in beliebiger Reihenfolge serviert, am besten den Nachtisch zuerst. Nein, ich hielt mich streng an die Vorlagen der beiden Komponisten, nahm mir erst den Franzosen vor, dann den Russen, immer abwechselnd eine Passage Text, ein Stück Musik, und nach etlichen schriftstellerischen Versuchen kristallisierte sich zuletzt endlich eine Story aus den Höreindrücken heraus. Nur zu Bizets Trompette et Tambour fiel mir partout nichts ein; so erfand ich Fräulein Schneider, die neben dem Helden Max und seinem Großvater der Geschichte Leben verleiht.

In den Konzerthäusern von Freiburg und Karlsruhe wurde das Wechselspiel aus Text und Musik dann mehrfach aufgeführt, und die Erinnerung daran gehört zu meinen schönsten beruflichen Erinnerungen überhaupt: 500 Kinder vor dir (ich saß zwischen Dirigent Nicolas Simon und erster Geige), die anfangs verhalten, dann immer mutiger die Stücke mitdirigierten, bis zuletzt 1000 kleine Arme die Luft im Konzerthaus aufwühlten, hier taktvoll, dort anarchisch; hier versonnen, dort ekstatisch, und der arme Dirigent hat von all dem nichts gesehen. Aber vielleicht erkannte er es in den strahlenden Augen seiner Musiker.

So viel zur Zusammenarbeit mit dem Herrn L. Im Sommer 2016 werde ich werde übrigens erneut mit dem Symphonieorchester des SWR auftreten, nämlich am 29. Juni in Donaueschingen, am
30. Juni in Mannheim und am 1. Juli in Freiburg. Und in der Fortsetzung dieses kleinen Artikels werde ich mich der Zusammenarbeit mit Nele Palmtag widmen, die Wenn mein Mond deine Sonne wäre mit luftigen und – wie ich finde – traumhaft schönen Illustrationen geadelt hat.
LZ

Kommentare:

Jennifer Trautmann hat gesagt…

Ich glaube, da muss ich im Juni/Juli mal ein paar Tage Urlaub einreichen ..! Das klingt nach unvergesslichen Erlebnissen. Nach gerührtem, verstohlenen Augentrockenwischen. Und nach Lachen, wenn es trompetig wird.

Wen es von den Mitlesern hier interessiert: Eine kurze Zusammenfassung der Geschichte habe ich kürzlich schon geschrieben:
http://www.knax.de/sparkasse-musterstadt/seiten/kunterbunt/buecherkiste/wennmeinmonddeinesonnewaere.22718.aspx

Wunderschön. Poetisch. Lustig. Traurig. Hoffnungsvoll. Melankomisch.
Lesen! Anschauen! Hören! Und genießen.

ANDREAS STEINHÖFEL hat gesagt…

Yup. Hätte sowieso noch zu dir verlinkt im zweiten Teil des Eintrags (und tu ich auch noch :)) Mal schauen, eventuell kriege ich den heute noch hin.

Sabine H. hat gesagt…

Lieber Andreas, habe mir dieses kleine, dreifache Kunstwerk in Wort, Bild und Musik gerade bestellt, freue mich W?wie ein kleines Kind darüber, bekommt meine Großtante nächsten Monat zu ihrem 92.Geburtstag geschenkt, liebe Grüße, Sabine.